Analog gegen Algorithmus: Gen Z und die neue Sehnsucht nach Wirklichkeit
Neulich habe ich von meinem Opa einen 37 Jahre alten Mercedes geerbt. Die Generation Z entdeckt analoge Technologien neu.
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<div class="sf-perspective"> <h3>SwissForecast-Perspektive</h3> <p>Kulturelle Verschiebungen beeinflussen langfristig die Nachfrage nach Wohn- und Arbeitsräumen. Die Gen Z bevorzugt zunehmend authentische, handwerkliche Qualität über digitale Optimierung — ein Trend, der auch die Bauwirtschaft betrifft: Naturmaterialien, Handwerkstradition und analoge Erlebniswelten gewinnen an Bedeutung.</p> </div> <h2>Die Rückkehr zum Analogen: Wenn Retro zur Überlebensstrategie wird</h2> <p>Neulich habe ich von meinem Opa einen 37 Jahre alten Mercedes geerbt. Kein CarPlay, keine Touchscreens, kein ständiges Gepiepse von diversen Assistenzsystemen. Nur echtes Blech, erstaunlich neu aussehende Stoffbezüge und ein Zündschlüssel, den man noch drehen muss. Und ganz ehrlich? Ich brauche nichts anderes. Da es weder Bluetooth noch einen Aux-Anschluss gibt, muss ich mir auch nicht mehr vor jeder Fahrt überlegen, welche Spotify-Playlist ich gerade hören will – ich höre einfach Radio. In einer Generation, die mit digitalen Möglichkeiten aufgewachsen ist, aber von deren Überfülle zunehmend überfordert wird, kann diese Einfachheit überraschend befreiend sein.</p> <p>Was zunächst wie eine persönliche Vorliebe klingt, ist Teil eines größeren kulturellen Trends. Meine Generation ist mit den Widersprüchen der Postmoderne sozialisiert worden. Wir sind aufgewachsen mit dem Gefühl, dass jede Realität inszeniert sein könnte, jede Wahrheit relativ ist, jede Identität performativ. Diese postmoderne Grundstimmung hat uns geprägt – aber auch erschöpft.</p> <div class="sf-note"> <p>Aus der Perspektive kultureller Zyklen betrachtet: Gesellschaften pendeln zwischen „Krieger-Kultur" (Sparsamkeit, Opferbereitschaft, Nationalismus) und „Konsumenten-Kultur" (Konsum, Individualismus, Hedonismus). Die analoge Sehnsucht der Gen Z könnte ein frühes Signal für einen kulturellen Phasenwechsel sein — weg vom digitalen Konsumismus, hin zu einer neuen Form bewussten Konsums.</p> </div> <h2>Der Trend zu greifbaren Objekten</h2> <p>In einer Welt, die von digitaler Überflutung dominiert wird, wächst der Wunsch nach etwas Echtem, Greifbarem. Der Trend geht zurück zu analogen Technologien: Vinyl-Schallplatten, Polaroid-Kameras, einfache Handys wie das „Barbie-Phone" von HMD und nostalgische Klapphandys im Y2K-Stil. Auch Lesen hat sich in den letzten Jahren teilweise zum Trend und Statussymbol entwickelt – auf TikTok und Instagram existieren ganze Communities, die dem Lesen gewidmet sind: „BookTok" und „Bookstagram".</p> <p>Diese Rückkehr zu greifbaren Objekten bietet eine willkommene Pause vom digitalen Dauerstress und schafft ein Gefühl von Kontrolle, Eigenständigkeit und Erdung. Auch „Digital Detoxes" liegen im Trend – ein bewusster Rückzug von der Dauerbeschallung durch Smartphones. Viele Silicon-Valley-Schwergewichte waren hier Vorreiter: Bill Gates macht jedes Jahr eine Woche technikfreien Urlaub, und zahlreiche CEOs sowie Mitarbeiter in Tech-Unternehmen erziehen ihre Kinder ganz bewusst ohne Smartphones und digitale Geräte.</p> <h2>Ästhetischer Wandel: Von der Neutralität zur Individualität</h2> <p>Diese Abkehr vom Immer-Neuen ist eng verbunden mit einem veränderten ästhetischen Selbstverständnis. Viele von uns haben genug von uniformen Neubauten in durchgehend neutralen Farbtönen. Diese standen lange für Sicherheit, Zurückhaltung – und Konformität. Doch jetzt sehnen wir uns nach Ecken und Kanten, nach Kontrasten und Charakter. Die charmanten Altbauten im Jugendstil sind schon lange beliebt, doch inzwischen sind auch die einst verschmähten Häuser der 70er-Jahre mit Teppichboden und Linoleum ernstzunehmende Alternativen geworden.</p> <p>Während frühere Generationen alte Häuser lieber abrissen oder weiß verputzten, greifen heute viele selbst zum Werkzeug – unterstützt von DIY-Anleitungen auf YouTube. Programme wie „Jung kauft Alt" oder Plattformen wie Zillow zeigen, dass dieser Trend nicht nur gefühlt ist. Meine Generation ist bereit, Komfort gegen Charakter zu tauschen – wenn es dafür Individualität, Eigentum und Gestaltungsspielraum gibt.</p> <h2>Der finanzielle Realismus hinter dem Retro-Trend</h2> <p>Ein oft entscheidender Aspekt ist der finanzielle Druck. Wir sind die erste Generation seit Jahrzehnten, die real weniger verdient als ihre Eltern – bei gleichzeitig explodierenden Mieten, Bauzinsen und Lebenshaltungskosten. Der Traum vom schlüsselfertigen Neubau ist für viele schlicht nicht erreichbar. Sanierung statt Neubau ist deshalb auch pragmatisch: mit Eigenleistung, Kreativität und Zeit etwas schaffen, das wir uns leisten können. Retro ist nicht romantisch – es ist realistisch. Und manchmal unsere einzige Option.</p> <h2>Retro als stiller Protest</h2> <p>Dies könnte bei einigen Altersgenossen auch ein stiller Protest gegen ein Wirtschaftsmodell sein, das an seine sozialen und ökologischen Grenzen stößt. Die Bauindustrie verschlingt Unmengen an Ressourcen, während gleichzeitig Millionen Gebäude leer stehen. Ein altes Haus zu retten heißt: CO₂ sparen, Geld sparen, Geschichte erhalten.</p> <p>Junge Menschen erkennen: Unternehmen sehen uns primär als Zielgruppe – nicht als Menschen mit echten Bedürfnissen. Vertrauen in Marken schwindet, weil klar wird: Es geht ums Verkaufen, nicht um Lebensqualität. Das gilt auch für viele Influencer, die inzwischen oft nichts anderes als die QVC-Verkäufer unserer Generation sind.</p> <p>Es ist kein Zufall, dass Vintage- und Secondhand-Shopping seit Jahren im Trend liegt und Online-Bewegungen wie „Underconsumption" immer mehr Fahrt aufnehmen. Viele entscheiden sich bewusst gegen den Konsum – durch No-Buy-Monate, Reparieren statt Kaufen, Tauschen statt Shoppen. Doch dieser Verzicht ist oft keine Wahl, sondern ökonomische Notwendigkeit.</p> <h2>Krise als Normalzustand: Die Generation der Unsicherheit</h2> <p>Wir sind mit Krisen groß geworden: Finanzkrise, Pandemie, Kriege, Inflation. Wirtschaftswachstum ist kein Naturgesetz – und ein sicherer Job kein Versprechen. Abomodelle, die früher bequem wirkten, sind heute finanzielle Belastung. Viele wollen wieder Dinge besitzen, weil sie sich dauerhafte Zugänge schlicht nicht leisten können.</p> <p>In Großbritannien etwa greifen junge Menschen wieder vermehrt zu Bargeld – nicht aus Sentimentalität, sondern weil sichtbare Ausgaben helfen, besser mit ihrem Budget umzugehen. Trends wie „Cash Stuffing" auf TikTok belegen: Für viele ist Bargeld ein Mittel zur Selbstbestimmung, ein Stück reale Welt inmitten virtueller Reizüberflutung. Diese Haltung geht oft mit digitalem Minimalismus einher: weniger Bildschirmzeit, weniger Reize, mehr Klarheit. Es ist der Versuch, mental und materiell Ordnung zu schaffen – in einer Welt, die uns ständig etwas verkaufen will.</p> <h2>Das Vertrauen in digitale Inhalte schwindet</h2> <p>Zugleich schwindet das Vertrauen in digitale Inhalte. Was früher ehrliche Reviews auf YouTube waren, ist heute durch Monetarisierung entstellt. Influencer, die Beziehungen faken oder ihre Kinder zur Marke machen, bestätigen: Fast alles ist inszeniert. Deshalb suchen viele von uns nach Dingen, Beziehungen und Erlebnissen, die sich nicht vermarkten lassen.</p> <h2>Retro als Überlebensstrategie</h2> <p>Retro ist nicht neu – aber es hat sich gewandelt. In den 2010ern war es ironisch: Polaroid, Bart, Second-Hand. Heute ist es ernst gemeint, getrieben von drei Kräften:</p> <p><strong>Die drei Treiber des Retro-Trends</strong></p> <ul> <li><strong>Emotional:</strong> Die digitale Welt überfordert – wir sehnen uns nach Einfachheit und Echtheit.</li> <li><strong>Politisch:</strong> Retro wird zum Statement gegen Wegwerfmentalität und Kapitalismuslogik.</li> <li><strong>Ökonomisch:</strong> Das alte Leistungsversprechen ist gebrochen. Ein altes Auto oder ein renoviertes Haus sind daher kein nostalgischer Luxus, sondern ein realistischer Plan.</li> </ul> <p>Retro ist damit mehr als ein Trend – es ist eine Strategie für ein Leben, das wir trotz Krisen selbst gestalten können. Für Gen Z bedeutet das weniger Nostalgie als das Streben nach Echtheit, Kontrolle und Sicherheit in einer immer digitaleren Welt.</p> <div class="sf-perspective"> <h3>Fazit für die Beschaffung</h3> <p>Für die Baubranche langfristig relevant: Wenn Gen Z „echt" statt „optimiert" bevorzugt, steigt die Nachfrage nach sichtbaren Naturmaterialien (Holz, Stein, Lehm) und handwerklicher Verarbeitung in Architektur und Innenausbau.</p> </div>
Veröffentlichung
2024-12-15