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Banken und Zinspolitik: Zwischen wirtschaftlicher Rationalität und strategischer Inflationsrhetorik

In den letzten fünf Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank (EZB) zwischen Dezember 2024 und Juni 2025 äußerten sich Bankenvertreter wiederholt besorgt über anhaltende Inflationsrisiken.

Artikel

<div class="sf-perspective"> <h3>SwissForecast-Perspektive</h3> <p>Bankanalysten warnen systematisch vor Inflation — obwohl die Daten eine andere Sprache sprechen. Der Grund: Höhere Zinsen sind gut fürs Bankgeschäft. Für Bauzulieferer heißt das: Inflations-Kommentare von Bankenvertretern kritisch einordnen und eigene Daten prüfen, statt Narrativen zu folgen.</p> </div> <h2>Bankenperspektive: Warum Zinssenkungen kritisch gesehen werden</h2> <p>In den letzten fünf Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank (EZB) zwischen Dezember 2024 und Juni 2025 äußerten sich die Chefvolkswirte führender deutscher Banken auffallend einheitlich – stets mit mahnenden Worten gegenüber einer zu schnellen Lockerung der Geldpolitik. Jörg Krämer von der Commerzbank erklärte bereits im Dezember 2024 nach der ersten Senkung: „Ein kleiner Schritt ist richtig – die Löhne steigen zu schnell.“ Auch im März 2025 warnte er weiter: „Der Lohndruck ist noch längst nicht gebannt. Wer zu schnell senkt, riskiert Rückschläge.“ Diese Argumentation betont kurzfristige Lohnrisiken, obwohl die Inflation bereits deutlich zurückgegangen war.</p> <p>In dieselbe Richtung argumentierte Mark Wall, Chefökonom der Deutschen Bank, im März 2025: „Die EZB befindet sich in einer schwierigen Lage. Die geopolitischen Risiken sprechen gegen allzu schnelle Schritte.“ Damit stellt er geopolitische Unsicherheiten als zentralen Grund für Vorsicht in den Vordergrund.</p> <p>Alexander Krüger von Hauck Aufhäuser Lampe unterstrich im Juni 2025 die Skepsis gegenüber weiteren Zinsschritten: „Die EZB hat die Leitzinsen binnen Jahresfrist halbiert. Weitere Schritte führen bereits in leicht expansives Terrain.“ Ähnlich äußerte sich Jens-Oliver Niklasch (LBBW): „Nur ein überraschender Inflationsanstieg dürfte die EZB zum Kurswechsel zwingen. Jetzt ist Geduld gefragt.“</p> <div class="sf-note"> <p>Aus der Perspektive der Finanzialisierungskritik: Finanzkapitalismus extrahiert zunehmend Renten statt Profite aus der Realwirtschaft. Die Differenz zwischen Kredit- und Einlagenzinsen (Net Interest Margin) ist dabei der zentrale Mechanismus. Wenn Banken vor Inflation warnen, schützen sie primär ihre eigene Ertragsbasis — nicht die Wirtschaft.</p> </div> <p>Diese Haltung wirkt auf den ersten Blick verantwortungsvoll, doch sie wirft auch kritische Fragen auf: Warum wird so stark vor Inflation gewarnt, obwohl diese bereits auf das EZB-Ziel von rund 2 % gefallen ist? Und warum finden strukturelle, langfristig disinflationäre Faktoren – wie technologische Rationalisierung durch KI, Überkapazitäten auf den Rohstoffmärkten oder der demografische Wandel – in den Kommentaren kaum Erwähnung?</p> <div class="sf-data"> <p><strong>2,1% Inflation vs. 2,8% Kerninflation</strong></p> <p>Die Gesamtinflation lag bereits nahe am EZB-Ziel von 2%. Dennoch warnten alle befragten Chefvolkswirte vor „zu schnellen Zinssenkungen" — ein Widerspruch, der auf institutionelle Interessenlagen hindeutet.</p> </div> <h2>Akademische Gegenposition</h2> <p>Die ökonomische Literatur zeigt klar, dass Banken in einem Umfeld höherer Zinsen wirtschaftlich profitieren. Ihre Zinserträge steigen durch die höhere Differenz zwischen Kredit- und Einlagenzinsen (Net Interest Margin). Insbesondere Geschäftsbanken sind auf dieses klassische Zinsgeschäft angewiesen. In Zeiten niedriger Zinsen geraten sie unter Margendruck (Borio et al., 2015; Claessens et al., 2018) – was ökonomisch nachvollziehbar den Wunsch nach einem eher höheren Zinsumfeld erklärt. Vor diesem Hintergrund ist es plausibel, dass die wiederholten Inflationswarnungen nicht nur analytisch motiviert sind, sondern auch strategisch: Sie stützen ein Narrativ, das einer geldpolitischen Lockerung skeptisch gegenübersteht – auch wenn objektive Daten (z. B. sinkende Kerninflation, schwache Konjunktur) eine solche durchaus rechtfertigen würden.</p> <p>Auffällig ist jedoch, dass in den Kommentaren langfristige Desinflationstreiber kaum thematisiert werden. So bleibt der Effekt von Künstlicher Intelligenz und Automatisierung, die Arbeitsmärkte rationalisiert und den Lohndruck senkt (Acemoglu & Restrepo, 2020), unerwähnt. Auch globale Überkapazitäten bei Rohstoffen und der demografische Wandel, der die Konsumnachfrage dämpft (Goodhart & Pradhan, 2020), finden in den Einschätzungen keine Beachtung.</p> <div class="sf-note"> <p>Aus der Perspektive der Polykrisen-Analyse: Wirtschaftskommentare können nicht isoliert von politischen Interessen betrachtet werden. Die „strategische Inflationsrhetorik" der Banken ist ein Beispiel dafür, wie ökonomische Narrative von Interessenlagen geformt werden.</p> </div> <p>Stattdessen konzentriert sich die Rhetorik auf kurzfristige Preisrisiken – obwohl viele dieser Risiken (z. B. Energiepreise) aktuell durch globale Angebotsüberhänge begrenzt sind.</p> <h2>Fazit</h2> <p>Insgesamt legt diese Analyse nahe, dass die Mahnung deutscher Banken vor schnellen Zinssenkungen weniger durch objektive Inflationsrisiken motiviert ist, sondern in wesentlichen Teilen mit ihrer eigenen Geschäftsstruktur zusammenhängt. Zentralbanken sollten diese Interessenlage im öffentlichen Diskurs stärker reflektieren und ihre Entscheidungen konsequent an mittel- und langfristigen realwirtschaftlichen Entwicklungen ausrichten.</p> <h2>Literatur</h2> <p>Acemoglu, D., & Restrepo, P. (2020). Robots and Jobs: Evidence from US Labor Markets. Journal of Political Economy. https://www.nber.org/papers/w23285. Abgerufen am: 10.07.2025</p> <p>Borio, C., Gambacorta, L., & Hofmann, B. (2015). The influence of monetary policy on bank profitability. BIS Working Papers No. 514. https://www.bis.org/publ/work514.pdf. Abgerufen am: 09.07.2025</p> <p>Claessens, S., Coleman, N., & Donnelly, M. (2018). Low-for-long interest rates and net interest margins of banks in advanced economies. Journal of Banking & Finance. https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1042957317300372. Abgerufen am: 10.07.2025</p> <p>Goodhart, C., & Pradhan, M. (2020). The Great Demographic Reversal: Ageing Societies, Waning Inequality, and an Inflation Revival. Palgrave Macmillan. https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-030-42657-6.</p> <div class="sf-perspective"> <h3>Fazit für die Beschaffung</h3> <p>Für Beschaffungsplaner: Zins-Prognosen von Bankanalysten sollten mit einem „Interessenfilter" gelesen werden. Eigene Indikatoren — Baugenehmigungen, Auftragseingang, Erzeugerpreise — sind verlässlichere Signale als Rhetorik.</p> </div>

Veröffentlichung

2024-12-28